© DiesbachMedien | Ausgabe: Weinheimer Nachrichten | Hemsbach / Laudenbach | 15.02.2019 | Seite 13

AWO-Bürgerhilfe: Große Resonanz auf Demenz-Vortrag / Manuela Bingen referiert über ein Thema, das offensichtlich den Nerv trifft

LAUDENBACH. Die Frau hat langes, dunkles Haar, ein tief zerfurchtes Gesicht und einen abwesenden Blick. Sie sehe aus wie eine alte Indianerin, sagt ein Mann im Publikum. Auguste Deter war jedoch Deutsche und zum Zeitpunkt der Aufnahme erst 51 Jahre alt. Sie war die erste Patientin, deren Demenz-Erkrankung wissenschaftlich dokumentiert wurde: Als sie 55-jährig starb, sezierte der Mediziner Alois Alzheimer ihr Gehirn und fand schon 1906 die typischen Plaques genannten Ablagerungen, die das zentrale Nervensystem irreparabel schädigten. „So ein Gehirn“, sagt Manuela Bingen, „ist eingetrocknet wie eine Rosine.“

Tiefes Schweigen folgt ihren Ausführungen, wie so oft an diesem Abend. „Demenz geht uns alle an“, hat die Krankenschwester ihren Vortrag überschrieben, und das scheinen auch die Laudenbacher so zu sehen: Der Saal im AWO-Heim ist voll besetzt, und Schriftführer Günter Wernz freut sich über die große Resonanz. Nach dem Diabetes-Referat im Spätjahr setzt die Bürgerhilfe nun ihre Reihe von Gesundheitsvorträgen fort und hat ein Thema gewählt, das einen Nerv trifft. Immer wieder kommen Zwischenfragen, berichten Menschen von Erfahrungen mit Kranken oder holen sich Rat.

Bingen nimmt sich Zeit dafür und schöpft aus dem Fundus ihrer Erfahrungen. Die Dozentin an der Bensheimer Gesundheitsakademie Bergstraße erklärt, dass sie vor 20 Jahren zum Thema kam „wie die Jungfrau zum Kinde“. Heute gibt sie Seminare und fasst ihre Erfahrungen in prägnanten Sätzen zusammen: „Demenz macht hilflos, aber nicht gefühllos.“ In ihrem Verlauf sterben Nervenzellen ab, das Tempo sei nicht vorhersehbar.

„Demenz“, das ist ihr wichtig, „ist nicht gleich Alzheimer.“ Obwohl 60 bis 65 Prozent der Patienten daran leiden, gefolgt von anderen Krankheitsbildern. Hierzulande seien 1,7 Millionen Menschen dement: „2050 werden es drei Millionen sein.“ Grund ist die steigende Lebenserwartung, tritt die Krankheit doch zumeist im höheren Alter auf. Heilung gibt es aktuell nicht, die Ursachen sind nicht bekannt, jedoch werde in mehrere Richtungen geforscht. Eine genaue Diagnose sei wichtig, erklärt die Referentin, denn immerhin gebe es Therapien und Medikamente, „die zwar nicht heilen, aber den Zug mal eine kurze Weile anhalten“ können.

Bingen will bei ihren Zuhörern Verständnis für die Vorgänge im Hirn eines Patienten zu wecken: „Erforderlich ist ein wertschätzender Umgang, eine positive Haltung.“ Demenz verlaufe in drei Phasen, als Faustregel werde angenommen, dass jede etwa drei Jahre dauere. Im frühen Stadium würden Termine vergessen und ständig Sachen vermisst. Ein Gesunder, sagt Bingen, gehe die Suche nach dem verlorenen Schlüssel mit Logik an: „Welche Jacke hatte ich an, in welcher Tasche könnte er stecken?“ Der Kranke werde misstrauisch, aggressiv und verdächtige Dritte: „Die Leute schützen sich, indem sie anderen die Schuld geben.“ Später finden sie nicht mehr heim oder kaufen seltsame Dinge wie Futter für die Katze, die seit fünf Jahren nicht mehr lebt. Immer wieder geben sie dafür plausible Erklärungen - auch das ein Schutz vor der Angst. Kochen, Saubermachen fallen schwerer, der Patient zieht sich zurück, hat Wortfindungsstörungen und kaschiert auch sie: „Wo ist das Dingsbums?“

Im zweiten Stadium lösen sich die zeitliche und örtliche Orientierung auf, die Menschen können ihr Alter nicht mehr angeben: „Da sagt jemand, ,ich bin 47’, meint aber, er ist 1947 geboren.“ Der Grund: Vergessen werden zuerst die Inhalte, die zuletzt gelernt wurden. Je weiter die Krankheit fortschreitet, desto mehr geht verloren; die Patienten vergessen, dass sie verheiratet sind, reagieren nur noch auf den Mädchennamen und werden schließlich wieder Kinder. „Da kommt es vor“, sagt Bingen, „dass sie sich bei ihrem Anblick im Spiegel fragen, wer denn der Alte da ist.“ Quälend ist das Gefühl, nach Hause zu müssen, auch wenn die Menschen Daheim sind. Bingens Rat: „Kommen Sie nicht mit Logik.“ Lieber solle man einen Spaziergang machen, das beruhige. Am Ende verlieren die Kranken fast alle Erinnerungen, die Sprache, manchmal die Fähigkeit zu schlucken, starren vor sich hin, „leblos und leer“. Doch immer noch könne ein Mensch in ihrer Nähe sie beruhigen. Und fast bis zum Ende sei es möglich, mit den Patienten Erinnerungen auszutauschen: „Auch zu lachen. Demenz bedeutet nicht, dass man nicht mehr lachen kann.“ stk

img 9547Bild Günter Wernz

   
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